Geschrieben am 8. Juni 2010 von bob. Bisher keine Kommentare.
Heute habe ich bei Patrick Kempf einen Blogeintrag mit dem Titel “Fanboyism” gelesen. Das Unverständnis, die Vorwürfe und die negativen Gefühle, die uns Besitzern eines Apple Produktes teilweise entgegenschlagen, sind zumindest schwer nachvollziehbar. Eigentlich wollte ich bei ihm einen Kommentar hinterlassen, weil er mir in Teilen aus der Seele gesprochen hat und ich noch ein paar Kleinigkeiten dazu sagen wollte. Die Kleinigkeiten wurden dann aber ein bisschen viel für einen Kommentar. Deswegen schreibe ich hier meinen eigenen Blogeintrag.
Ich arbeite Hauptberuflich mit Computern. Und das in einem Umfeld, in dem die Arbeitsplätze meist mit Windows und die Server mit Linux oder Unix ausgestattet sind. Ich habe also mehr als 15 Jahre Erfahrung mit diesen beiden (drei) Systemen. Bei der Arbeit benutze ich sie gerne und effizient. Vor ungefähr fünf Jahren habe ich mir dann meinen ersten iMac von Apple gekauft.
Seit dieser Zeit bin ich sehr überzeugt von den Produkten von Apple. Man kauft sie, baut sie auf, schaltet sie ein und sie funktionieren. Dieser Eindruck hat sich bei jedem neuen Apple-Produkt bestätigt: Sei es ein MacBook, ein iPod, ein iPhone – alle haben einfach funktioniert. Und wenn es mal ein Problem gab, hat mir der Service schnell und sehr unkompliziert geholfen. Allerdings habe ich mir auch nie ein Apple-Produkt gekauft, bei dem ich keine Ahnung hatte, was ich damit machen sollte (zum Beispiel AppleTV).
Das ich von den Produkten begeistert bin, liegt also an meinen Erfahrungen. Ich freue mich über jeden, der diese positiven Erfahrungen mit anderen Firmen und Produkten gemacht hat und sich für diese begeistert. Und ich verstehe jeden, der mit Apple negative Erfahrungen gemacht hat und deswegen von Apple abrät. Ich verstehe nur die dritte Gruppe nicht: Die, die Apple, deren Produkte und Kunden abgrundtief verabscheuen, ohne je eigene Erfahrungen damit gemacht zu haben.
Und es ist meist diese Gruppe, die die Erfahrungen, Sichten und Meinungen anderer abwertet. Der Umgang erinnert mich ein bisschen an Religionen. Die Christen verachten die Moslems, ohne deren Religion wirklich zu kennen. Die Moslems verachten die Christen, ohne deren Religion wirklich zu kennen. Beide Seiten kennen nur die eigene Sicht und weil es ihre eigene ist, muss diese Sicht jeder anderen überlegen sein. Nur so fühlt man sich selbst der anderen Gruppe überlegen.
Patrick schreibt, dass wir schnell ein “Du Fanboy, Du. Du kaufst ja echt alles, wo der Apfel drauf ist.” in einem vorwurfsvollen oder gar beleidigenden Tonfall zu hören bekommen. Das kenne ich sehr gut.
Meine persönliche Sicht
Seit kurzem besitze ich ein iPad. Und natürlich musste ich mir anhören, dass man ja schon ziemlich dämlich sein müsse, sich so ein Gerät zu kaufen. Schliesslich gäbe es keinen vernunftbegabten Menschen, der das braucht.
Das stimmt. Ich brauche kein iPad. Und auch mein iPhone brauche ich nicht. Ich brauche gar kein Mobiltelefon. Und eine Uhr brauche ich auch nicht. Und brauche ich privat überhaupt einen Computer? Brauche ich ein Auto oder Motorrad? Da wir in unserer Gesellschaft über die Stufe der Sicherung des Überlebens raus sind, gibt es nur wenig, was wir brauchen.
Anfang/Mitte der 90er habe ich mir mein erstes Mobiltelefon gekauft. Damals konnte ich mir anhören, dass das nur was zum Angeben sei und man schon ein sehr kleines Ego haben müsse, wenn man dafür Geld ausgibt.
Als ich mir dann mein erstes iPhone gekauft habe, musste ich mir wieder anhören, dass so ein iPhone ja kein ernstzunehmendes Telefon sei. Es habe nur eine Daseinsberechtigung als Wichtigkeitsverstärker für Leute mit zu kleinem Ego.
Jetzt habe ich mein iPad. Und auch hier muss ich mir wieder anhören, dass das ja nichts Brauchbares sei und man damit nur angeben könne. Das iPad sei quasi der Porsche für arme.
Irgendwann habe ich aufgehört, mich über diese Angriffe aufzuregen. Ich weiss, dass ich Menschen, die so voreingenommen sind, nicht von meiner Sicht überzeugen kann. Und das muss ich auch gar nicht. Ich weiss, dass meine (Kauf-) Entscheidungen für mich stimmen. Ich brauche keine Bestätigung von anderen. Dementsprechend macht mir auch der Hohn anderer herzlich wenig aus. Dann gibt es andere, die sich einfach ein iPhone gekauft haben, weil sie es gut finden. Und die werden dann auch als Deppen hingestellt.
Die, die das Mobiltelefon Anfang der 90er lächerlich fanden, haben heute selbst eins – und zwar alle! Die, die beim iPhone der Meinung waren, dass das kein vernunftbegabter Mensch brauchen kann, haben heute überwiegend selbst ein iPhone oder ein anderes Smartphone, das dem iPhone sehr ähnlich ist.
Man kann die Strategien und das Vorgehen von Apple (siehe App Store) sicher kritisieren. Ich verstehe jeden, der seine Inhalte nicht von Apple zensieren lassen will. Und wenn derjenige deswegen kein iPhone oder iPad kauft, dann ist das richtig so. Und wenn jemand kein Apple Produkt kaufen will, weil er einfach nicht will, dann ist das auch vollkommen richtig. Nur eine Bitte: Lasst doch die anderen Menschen auch ihre freie Entscheidung treffen ohne sie zu verurteilen. Selbst wenn ich mir ein iPad nur zum Angeben kaufen würde, wäre das nicht mein gutes Recht? Und wenn Ihr in der Pause die Kollegin runtermacht, weil sie sich jetzt auch so ein “Deppen-iPhone” gekauft hat: Hat das einen anderen Zweck als Euer zu kleines Ego aufzublasen?
Die Sicht von Apple
Hier kommt die eigentliche, spannende Erkenntnis, die in den letzten tagen über mich gekommen ist: Aus Sicht von Apple ist dieses Polarisieren eine tolle Sache. Auf der einen Seite flammende Fans, auf der anderen Seite mindestens genauso flammende Gegner. Und dazwischen steht Apple und freut sich, dass die eigenen Produkte von allen so intensiv diskutiert werden. Gäbe es nur Fans, wäre Apple sicher nicht so präsent in den Medien.
Also als Besitzer einiger Apple-Aktien (die habe ich mir nach meinem ersten iMac gekauft) muss ich meine persönliche Sicht revidieren: Liebe Apple-Gegner, greift Apple, deren Produkte und die Käufer dieser Produkte oft und so leidenschaftlich wie möglich an. Vielleicht könnt Ihr auch mal einen Fanboy wie mich öffentlich steinigen. Das bringt pro Aktie mindestens zwei Dollar.
Mein Fazit
Wir brauchen ein bisschen mehr Toleranz. Wenn jemand etwas macht, denkt, kauft oder mag und das keinerlei Einfluss auf Euer Leben hat: toleriert es, auch wenn ihr es nicht genauso machen würdet. Das gilt übrigens nicht nur für Apple-Hasser. Auch wenn ich in einem Forum wieder die Begriffe “Windoof” oder “Fricklux” lese, stellt sich bei mir ein Fremdschämen ein. Wer seine Argumente mit Angriffen und Beleidigungen unterstützt, dem fehlt offensichtlich der Glaube an die eigenen Argumente.
Und was mich persönlich angeht: Ruhig immer feste draufhauen. Ich merke eh kaum noch was…